Fr

26

Dez

2014

Dezember

"Das Jahr ward alt. Hat dünnes Haar.
Ist gar nicht sehr gesund.
Kennt seinen letzten Tag, das Jahr.
Kennt gar die letzte Stund.
Ist viel geschehn. Ward viel versäumt.
Ruht beides unterm Schnee.


Weiß liegt die Welt, wie hingeträumt.
Und Wehmut tut halt weh.
Noch wächst der Mond. Noch schmilzt er hin.
Nichts bleibt. Und nichts vergeht.
Ist alles Wahn. Hat alles Sinn.
Nützt nichts, dass man's versteht.
Und wieder stapft der Nikolaus
durch jeden Kindertraum.
Und wieder blüht in jedem Haus
der goldengrüne Baum.
Warst auch ein Kind. Hast selbst gefühlt,
wie hold Christbäume blühn.
Hast nun den Weihnachtsmann gespielt
und glaubst nicht mehr an ihn.
Bald trifft das Jahr der zwölfte Schlag.
Dann dröhnt das Erz und spricht:
"Das Jahr kennt seinen letzten Tag,
und du kennst deinen nicht."

 

Erich Kästner

 


 

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Mi

13

Aug

2014

O Captain my Captain

Ich ging in die Wälder, denn ich wollte wohl überlegt leben. Intensiv leben wollte ich, das Mark des Lebens in mich aufsaugen, um alles auszurotten, was nicht lebend war. Damit ich nicht in der Todesstunde inne würde, dass ich gar nicht gelebt hatte.

 

- Henry David Thoreau

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Mi

10

Jul

2013

Können Sie mir das Buch schreiben?

Das Telefon klingelt. Die Texterin nimmt ab und flötet gut gelaunt: „Guten Morgen, was kann ich für Sie texten?“ (Ok, vielleicht nicht ganz so, aber fast). Am anderen Ende: Stille. Dann tiefes Räuspern, dann wieder Stille. Räuspern, Stille, Räuspern, Stille. So geht es eine Zeitlang weiter. Die Texterin beginnt sich zu fragen, ob der Anrufer vielleicht falsch verbunden ist und nicht mit einem Texter, sondern mit einem Auftragskiller sprechen wollte.

Da bricht es auf einmal doch erstaunlich resolut und zielstrebig aus ihm heraus. Er nuschelt zunächst einen unverständlichen Namen (Guttenberg?). Dann: „Ich brauche ein Buch. Können Sie mir das Buch schreiben?“

 

Stille.

 

Die Texterin, erleichtert, dass das Telefonat die Psychopathen-Schiene verlassen hat, antwortet freundlich: „Ja, ich unterstütze Kunden auch beim Schreiben von Fachbüchern. Um welches Thema soll es denn gehen?“ Der potentielle Auftraggeber: „Das weiß ich noch nicht.“ „Aber Sie wissen doch sicher, welches Thema das Buch behandeln soll.“

 

Was kostet das denn?

 

Der Anrufer: „Nein. Ich möchte mich jetzt erst mal informieren, was so etwas kostet bei Ihnen.“ Nun ist es an der Texterin zu schweigen und sich zu räuspern. „Ähm, das kann ich leider aufgrund der doch etwas dünnen Informationslage aktuell nicht abschätzen. Vielleicht machen Sie sich erst mal ein paar Gedanken zu…“ Der Anrufer unterbricht: „Aber das Buch muss schon am 31. Juli fertig sein, es soll ins Herbst-Programm des Verlags.“ „Ah, Sie haben schon einen Verlag. Dann gibt es doch sicher auch ein Exposé und damit so etwas wie ein Thema?“ Der Anrufer: „Ach, das wird mir jetzt zu kompliziert. Auf Wiederhören!“ Na, muss nicht sein…

 

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